Zukunftskongress 2017
Gemeinsam Wandel gestalten.

Die 10 großen internationalen Technologietrends und ihre Bedeutung für die IT von Staat & Verwaltung

„Bis 2020 werden mehr als 30 Prozent der heutigen Verwaltungstransaktionen in ihrem derzeitigen Ablauf abgeschafft, und mehr als 20 Prozent dieser Transaktionen werden Abläufe beinhalten, die es heute noch gar nicht gibt!“

Mit diesem Statement eröffnete Bettina Tratz-Ryan die fruchtbare Diskussion. Der hohe Zulauf dieser Zukunftswerkstatt – viele Besucher standen oder saßen auf Treppenstufen – spiegelt die Relevanz des Themas und die inhaltliche Attraktivität der Gesprächspartner wider.

In einem stark von Jan-Lars Bey moderierten Wechselspiel präsentierte Bettina Tratz-Ryan Trendforschungsergebnisse von Gartner, die dann mit den Gesprächspartnern diskutiert wurden. So wurden in einem ersten Themenpunkt die Potenziale intelligenter Datenauswertung und ihrer Anwendung und in diesem Zusammenhang die Rollen freier Daten diskutiert. Diskussionspunkte waren hier beispielsweise die Trends „Open-Data-Marktplatz“, „Analytics überall“ oder „Smart Machines“. Es kam die Frage auf, wieso es uns nicht gelingt, die Potenziale offener Daten zu nutzen. Bettina Tratz-Ryan stellte heraus, dass in vielen Open-Data-Portalen Daten nur „reingepumpt“ würden, ohne deren Wertigkeit zu betrachten. Es brauche eine entsprechende Mentalität, Daten hinsichtlich ihrer Wertigkeit bzw. ihres Nutzens zu veröffentlichen. Jörn Riedel postulierte, dass aus seiner Sicht es nicht Wirtschaftsphilosophie sei, aus offenen Daten als öffentliche Hand ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Offene Daten seien frei!

Sind vollautomatisierte Verwaltungsprozesse noch bürgernah?

Auf die Frage, ob eine vollautomatisierte Verarbeitung in der Verwaltung tatsächlich gewünscht oder ob Bürgernähe durch individuelle Ausnutzung von Möglichkeiten der Prozesse nicht menschennäher sei, antwortete Dr. Johann Bizer, dass Verwaltungsakte im Prinzip doch heute schon algorithmenbasiert abliefen und verdeutlichte das am Beispiel des Bußgeldbescheids. Im Vergleich zu typischen eCommerce-Anwendungen zeichnen sich Verwaltungsprozesse seiner Einschätzung nach allerdings durch eine viel größere Komplexität aus. Am Beispiel einer Lohnabrechnung veranschaulichte er den Bedarf an künstlicher Intelligenz in der computerbasierten Prozessunterstützung.

Auf die Publikumsfrage nach dem Verständnis und den Potenzialen künstlicher Intelligenz verdeutlichte auch Jörn Riedel, dass großer Nachholbedarf bestünde. So unterstützen regelbasierte Systeme zwar bspw. bei der Lohnsteuerberechnung („Kein Student rechnet mehr die Lohnsteuerrückzahlung aus. Das ist heute zu komplex.“). Um die Bedarfe der Bürger insbesondere bei kontext- und sprachbezogenen Anwendungsfällen zu befriedigen, fehle jedoch die entsprechende Intelligenz in der Unterstützung: „Siri und Alexa können so richtig komplexe Fragen noch nicht beantworten. Da fehlt noch einiges.“

Digitale Arbeitsplätze stehen vor infrastrukturellen Herausforderungen

Im Themenschwerpunkt „Interaktivität und Agilität am Arbeitsplatz und mit Bürgern“ wurden Möglichkeiten einer Multi-Channel-Bürger-Einbindung und des digitalen Arbeitsplatzes diskutiert. Jörn Riedel kritisierte in diesem Zusammenhang, dass der Staat die Akzeptanz der Bürger verloren habe, und verdeutlichte dies an der Etablierung neuer Prozesse. Dazu würden Gesetze erlassen, ohne sich mit der Umsetzung zu befassen. Bei der Gesetzesumsetzung würden Probleme erkannt, die dann zu Gesetzesänderungen führen würden, ohne dass in der Zwischenzeit gehandelt werden kann.

Beim Thema digitaler Arbeitsplatz zeigte Roland Jabkowski die Herausforderungen in infrastrukturell schwächeren Gebieten am Beispiel der Arztversorgung oder dem Einsatz von Rettungswagen auf. Lösungsansätze wie bspw. die teleärztliche Versorgung bedürften einer flächendeckenden Breitbandnetzabdeckung, die nicht immer gegeben sei. Nur wenn flächendeckend stabile und sichere Verbindungen bestünden, könne man die zeitlich bedingte Landflucht (das Pendeln zur Arbeit) reduzieren.

Die eID: „Wir müssen es einfach mal tun.“

Beim Themenschwerpunkt „Agilität im Abwicklungsprozess und Innovation“ wurden Trends wie der elektronische Identitätsnachweis (eID), Blockchain, API Management oder Mesh App und Service Architektur diskutiert. Bezogen auf die eID forderte Ingo Engelhardt: „Wir müssen es einfach mal tun. Wir brauchen hohe Authentizität im Anwenderportal. Die Technik ist vorhanden, wir müssen sie nur nutzen und den Bürgern zeigen, dass es geht.“ Dabei verwies er auf die Erfolge des „APOK-Portals“ bei der Bundesagentur für Arbeit.

Als Vertreter der Privatwirtschaft stellte Steffen Heilmann in der Diskussion heraus, dass die eID zum Beispiel beim Amazon-Einkauf trotz der Vorteile deswegen nicht genutzt würde, weil sie nicht flächendeckend angebunden sei. Er verwies auf die Kosten für die Anwendung im Vergleich zur Anzahl der relevanten Kunden.

Bei der Diskussion um Micro Services als Innovationstrend fragte Jan-Lars Bey, ob in der konsequenten Bereitstellung von Micro Services durch die IT-Dienstleister vielleicht der Schlüssel für eine erfolgreiche Konsolidierung der verwaltungsspezifischen Fachverfahren läge. Raphael Vaino fasste deren Stellenwert darauf wie folgt zusammen: „Wenn ich etwas agil entwickeln will, dann kommt man bei Micro Services raus. Treiber ist Innovation, Challenge der Markt, Ergebnis sind die Fachverfahren.“

Schließlich wurde in diesem Themenpunkt auch die Bereitstellung offener Schnittstellen in Verwaltungsanwendungen diskutiert. So könnte der Handlungsdruck auf die Verwaltung durch die Erwartungshaltung der Bürger im Bereich UX verringert werden.

Dr. Johann Bizer stellte in diesem Zusammenhang heraus, dass in der öffentlichen Verwaltung häufig Spezialmarktthemen adressiert werden: „Mit Meldewesen in Deutschland wird kein Geld verdient. Sprich es interessiert sich keiner, zum Beispiel die Privatwirtschaft, dafür.“ Daher gäbe es seiner Einschätzung nach auch kaum Standards. Er rief dazu auf, Prozesse zu vereinfachen, um bestehende Softwarelösungen wiederverwenden zu können oder maximal „costumizen“ zu müssen. Eigenentwicklungen würden hier nur die Ausnahme sein.

Cybersecurity in den Fokus nehmen

Abschließend wurde in dieser Zukunftswerkstatt im Themenfeld „Cybersecurity, Datenschutz, Digitale Sicherheitsaspekte“ über risikobasierte Sicherheitsstrategien gesprochen. Jörn Riedel betonte in diesem Zusammenhang die Relevanz dieser Themen mit Verweis auf die im kommenden Jahr greifende EU-Grundschutzverordnung oder die derzeitigen „Data once“- bzw. „Data onceonly“-Bestrebungen (Behörden tauschen Bürgerdaten untereinander selbstständig aus, sodass der Bürger diese nur einmal einer Verwaltungsorganisation melden muss).

Dr. Johann Bizer stellte zudem die Notwendigkeit heraus, handwerkliche Grundlagen des IT-Sicherheitsmanagements zu beherrschen, und betonte, dass bspw. kaum ein RZ des Bundes BSI-zertifiziert sei und die zuletzt in den Medien diskutierte WannaCry-Attacke meist nur die Systeme betraf, die keinen aktuellen Sicherheitspatch hatten.

Die Diskussionen über zehn große Technologietrends mit Gesprächspartnern aus unterschiedlichen Bereichen zeigen, dass diese Themen für die öffentliche Verwaltung Herausforderungen, aber auch Potenziale darstellen, um den Service für die Bürgerinnen und Bürger zu verbessern und interne Prozesse zu optimieren. Die rege und inhaltlich intensive Diskussion dieser Themen spricht für die Diskutanten und die gute Vorbereitung der Veranstaltung. Gleichzeitig zeigt sie auch den Bedarf an kompetenter Beratung, stärkerer Governance und Unterstützung durch staatliche Institutionen, um diesen Herausforderungen begegnen und die Potenziale nutzen zu können.

Moderation:
Jan-Lars Bey
Partner
public(@)no-spam.cassini.de 

Begrüßung und Aufschlag:

  • Bettina Tratz-Ryan, Gartner, Research VP, Gartner Ltd.

Diskutanten:

  • Dr. Johann Bizer, Vorstandsvorsitzender, dataport AöR
  • Ingo Engelhardt, Leitung Koordination und Steuerung Informationstechnologie und Prozessmanagement, Bundesagentur für Arbeit
  • Steffen Heilmann, Bereichsleiter IT, MYTOYS GROUP
  • Roland Jabkowski, Bevollmächtigter für E-Government und Informationstechnologie in der Landesverwaltung, Hessisches Ministerium der Finanzen
  • Jörn Riedel, CIO der Freien und Hansestadt Hamburg
  • Raphael Vaino, IT-Mittelstandsallianz